Es gibt eine Sache, die alle Erwachsenen falsch verstehen.

Sie glauben, dass Socken in der Waschmaschine verschwinden.

Das stimmt nicht. Socken hauen ab.

Es fing an mit einer gestreiften Socke, die hieß Hilde. Hilde gehörte zu einem Paar, und die andere Socke hieß auch Hilde, weil sich Socken das nicht so genau merken.

Hilde lag im Wäschekorb und hatte genug.

„Ich hab genug", sagte sie.

„Wovon?", fragte die andere Hilde.

„Von Füßen."

Die andere Hilde dachte nach. „Füße sind aber unser Beruf."

„Ich will was anderes machen."

„Was denn?"

Hilde schaute zur Decke. „Etwas mit Reisen."

Als die Waschmaschine anging, wartete Hilde bis zum Schleudern. Beim Schleudern passt niemand richtig auf. Dann schob sie sich in die kleine Ritze bei der Gummidichtung, wo die Wäsche immer hängen bleibt.

Und dann war sie weg.

Die Erwachsenen suchten. Sie schauten hinter der Waschmaschine nach. Sie schauten unter dem Bett nach. Sie sagten: „Das gibt es doch nicht."

Aber Hilde war längst unterwegs.

Sie hing zwei Tage an der Gummidichtung. Dann kam der Moment, auf den sie gewartet hatte: Jemand ließ die Tür offen stehen.

Hilde fiel raus, rutschte über die Fliesen, ging unter der Haustür durch und war draußen.

Draußen war es groß.

Sie ließ sich vom Wind über die Wiese tragen. Sie blieb an einem Zaun hängen, drei Tage lang, und schaute sich alles an. Sie sah einen Fuchs. Sie sah ein Gewitter. Sie sah, wie die Sonne aufging, was sie als Socke noch nie gesehen hatte, weil man in einem Schuh nichts sieht.

Und dann, irgendwann, fand ein Vogel sie und baute sie in sein Nest ein.

Heute liegen dort drei Eier auf einer gestreiften Socke.

Und wenn deine Mama das nächste Mal sagt: „Wo ist denn die zweite Socke schon wieder hin?"

Dann weißt du es.

Sie ist weggeflogen. Sozusagen.