Der Zug fuhr los, als es schon dunkel war.
Nele lag oben im Bett, im Abteil ganz hinten. Unter ihr schlief ihre Mutter schon. Der Zug machte ein Geräusch, das immer gleich blieb: ta-tam, ta-tam, ta-tam.
Nele schaute aus dem Fenster.
Draußen zogen Felder vorbei, schwarz und flach. Dann ein Wald. Dann wieder Felder.
Und dann kam ein Haus.
Es stand allein am Rand eines Feldes, und in einem Fenster im Obergeschoss brannte Licht.
Nele fragte sich, wer da wohl wach war.
Vielleicht ein Mann, der nicht schlafen konnte und in der Küche saß.
Vielleicht jemand, der ein Buch las und nur noch dieses eine Kapitel schaffen wollte.
Vielleicht ein Kind wie sie, das aus dem Fenster schaute und einen Zug vorbeifahren sah und sich fragte, wer da wohl drinsitzt.
Der Gedanke gefiel ihr sehr.
Der Zug fuhr weiter. Ta-tam, ta-tam.
Ein Bahnübergang. Die roten Lichter blinkten, und ein einzelnes Auto wartete. Nele sah den Fahrer nur eine halbe Sekunde. Er hatte den Arm aus dem Fenster hängen.
Wo fährt der wohl hin, so spät?
Dann ein Dorf. Eine Straßenlaterne, unter der niemand stand. Ein Kirchturm mit einer beleuchteten Uhr: zehn nach elf.
Dann eine Brücke, und darunter ein Fluss, und im Fluss spiegelte sich der halbe Mond, aber nur ganz kurz, weil der Zug schnell war.
Nele merkte, dass ihre Augen schwer wurden.
Sie wollte noch nicht schlafen. Sie wollte noch mehr Fenster sehen.
Ta-tam, ta-tam.
Noch ein Haus. Diesmal zwei Fenster mit Licht.
Zwei Geschichten also. Mindestens.
„Gute Nacht", flüsterte Nele in die Richtung, obwohl das Haus schon nicht mehr da war.
Der Zug fuhr weiter durch die Dunkelheit, an Häusern vorbei und an Bahnübergängen und an Flüssen mit halben Monden darin.
Und irgendwann in dieser Nacht war es dann so:
Jemand in einem Haus am Feld schaute aus dem Fenster und sah einen Zug vorbeifahren. Und in einem Fenster dieses Zuges brannte noch ein kleines Licht.
Er fragte sich, wer da wohl wach war.
Aber da schlief Nele schon.
Ta-tam. Ta-tam. Ta-tam.
Mein Traumheld