Der Apfelbaum stand am Ende des Gartens, und er war alt. So alt, dass er in der Mitte hohl war.
Jakob war neun und kletterte gern.
An einem Nachmittag im September steckte er den Arm in das Loch im Stamm, einfach nur, um zu sehen, wie tief es ist.
Seine Finger stießen an etwas Hartes.
Er zog es heraus. Es war eine Blechdose, alt und rostig, mit verblasstem Bild darauf. Man konnte noch erkennen, dass es mal Kekse gewesen waren.
Jakob setzte sich ins Gras und machte sie auf.
Drinnen lagen: eine Murmel, blau. Ein Schlüssel, klein, ohne Schloss. Und ein Blatt Papier, mehrmals gefaltet.
Er faltete es auf.
„Hallo. Ich heiße Marianne und ich bin 9 Jahre alt. Heute ist der 4. September 1986. Ich lege das hier rein, weil ich wissen will, ob jemand es findet. Wenn du das liest, dann schreib bitte auch was und leg es zurück. Dann sind wir Freunde, auch wenn wir uns nie treffen."
Darunter stand noch ein Satz, in kleinerer Schrift, als wäre er später dazugekommen:
„Ich habe Angst vor dem Umzug nächste Woche."
Jakob las den Brief dreimal.
Dann ging er ins Haus, holte Papier und einen Stift und setzte sich wieder unter den Baum.
Er wusste erst nicht, was er schreiben sollte. Dann schrieb er:
„Hallo Marianne. Ich heiße Jakob und ich bin 9 Jahre alt. Heute ist der 12. September 2026. Das ist 40 Jahre später. Ich habe deine Dose gefunden. Der Baum steht noch."
Er kaute auf dem Stift.
„Ich hoffe, der Umzug war okay."
Er faltete das Blatt, legte es zu Mariannes Brief in die Dose, tat die Murmel und den Schlüssel zurück und schob alles wieder in den Stamm.
Beim Abendessen erzählte er es seiner Oma.
Seine Oma hörte auf zu kauen.
„Wie hieß sie?", fragte sie.
„Marianne."
Oma legte die Gabel hin. Sie stand auf und ging aus dem Zimmer, und Jakob dachte, er hätte etwas falsch gemacht.
Nach ein paar Minuten kam sie zurück. Sie hatte etwas in der Hand.
Es war eine Murmel. Rot.
„Wir hatten zwei", sagte Oma. „Eine blaue und eine rote. Ich habe die blaue in die Dose gelegt, weil ich dachte, ich komme nie wieder hierher."
Jakob starrte sie an.
„Du bist Marianne?"
„Ich war Marianne", sagte Oma. „Bevor alle angefangen haben, mich Oma zu nennen."
Sie setzte sich wieder hin.
„Der Umzug", sagte Jakob. „War der okay?"
Oma dachte lange nach.
„Nein", sagte sie. „Er war ziemlich schrecklich. Ich habe ein halbes Jahr geweint."
„Oh."
„Aber dann habe ich in der neuen Schule deinen Opa kennengelernt." Sie lächelte. „Und vierzig Jahre später sitze ich wieder unter demselben Apfelbaum und esse Abendbrot mit meinem Enkel."
Sie schob ihm die rote Murmel über den Tisch.
„Leg die auch rein", sagte sie. „Falls in vierzig Jahren wieder jemand nachschaut."
Jakob nahm die Murmel.
Und noch am selben Abend, kurz bevor es richtig dunkel wurde, ging er noch einmal ans Ende des Gartens.
Mein Traumheld